Wege zum Foto – Reisefotografie

von Julia am 20. Februar 2011

Letztens habe ich mich ja schon mit der Frage der Inspiration beschäftigt, nun geht es um die konkrete Umsetzung. Wo und wie finde ich mein Motiv? Was möchte ich mit dem Foto aussagen? Wie entwickelt man eine visuelle Sprache? – Um all diese Fragen zu klären und zielgerichteter zu fotografieren hat mir David duChemins Buch “Auf der suche nach dem Motiv” sehr geholfen.

“Vision”

Er geht davon aus, dass beim fotografieren zunächst nicht das wie sondern das warum entscheident ist. Die Technik ist somit erstmal zweitrangig. In einem ersten Schritt geht es darum eine “Vision” zu entwickeln. Hierbei geht es natürlich auch wieder um die Frage nach der Inspiration. Wir können uns inspirieren indem wir uns Bildbände anschauen oder beim Betrachten unseren eigenen Lieblingsfotos bewerten, was uns an ihnen am besten gefällt. Wir können auch einfach nach draußen gehen und vor allem Dinge fotografieren, die wir sonst nicht fotografieren würden, um einen neuen Blickwinkel zu bekommen. Ebenso können wir versuchen bildliche Konventionen zu brechen oder mit Formen, Linien, Strukturen oder Schatten zu spielen. Einen tollen Effekt erzielt man auch mit Kontrasten: etwas altes gegen etwas neues, hell gegen dunkel, Natur gegen Technik. Diese Liste lässt sich noch weiterführen, einfach ausprobieren was euch gefällt.

Vielleicht wollt ihr hierbei aber nicht bloß ein schönes ästhetisches Foto machen, sondern noch eine Geschichte erzählen. Erkennt was ihr gerne fotografiert und versucht eine Geschichte zu erzählen mit einem Bild oder einer Serie. – Wichtig ist hierbei auch den richtigen Ausschnitt zu finden. Versucht eure Sicht der Welt sinnvoll fotografisch einzurahmen. Entscheidend ist nicht nur was ihr zeigt, sondern auch, was ihr nicht zeigt und warum. Macht euch Gedanken darüber, was ihr braucht um euer Motiv richtig in Szene zu setzen. Dazu gehört in einem zweiten Schritt natürlich auch die Technik. Welches Objektiv verwende ich? Welche Blende? Welche Belichtungszeit? Welche Lichtstimmung möchte ich erzeugen? – Und das wichtigste nach duChemin, was ich auch nur unterschreiben kann, “mit dem Herzen fotografieren”.

Praxis am Beispiel der Reisefotografie

Zweiter Schritt ist die Praxis: Nachdem ihr euch genug Gedanken darüber gemacht habt, was ihr fotografieren wollt (weil es euch gefällt, das Motiv euch reizt, oder es eure Sicht auf die Welt zeigt), müsst ihr losziehen und eurer Foto machen. Um nicht zu sehr in der Theorie zu verharren, illustriere ich das Ganze anhand von ein paar Fotos von mir, die bei meinem letzten Aufenthalt in der Bretagne (Finistere) entstanden sind. Vor meiner Fotoreise habe ich duChemins Buch gelesen und versucht, möglichst viele seiner Tipps umzusetzen. Das ist wohl die beste Art, ein Fotografiebuch zu testen. Es nur zu lesen und eine Rezension zu schreiben ist immer weniger aussagekräftig, als der Versuch, das Gelesene auch umzusetzen. Statt also bloß eine Rezension von David duChemin’s “Auf der Suche nach dem Motiv” zu schreiben, teile ich hier einige meiner Erfahrungen mit euch.

Zunächst habe ich mir überlegt was typisch für mein Reiseziel, diese Region im äußersten Westen der Bretagne, ist und welche Fotos das am besten transpotieren könnten. Mir schwebten Fotos von einer Langzeitbelichtung des Meeres, einem altem Ehepaar vor einem typisch bretonischen Haus und Fischerboote im Hafen vor. Nach diesen ersten “Visionen” habe ich im Reiseführer geblättert und mir “typische” Touristenattraktionen der Region rausgesucht – Brest – kleine Fischerorte – imposante Felsformationen.

So entstand schon vor der Reise eine Fotoroute. Natürlich kann man durch den Reiseführer alleine nie sagen, ob die ausgesuchten Ziele sich wirklich lohnen, da heißt es nur, flexibel sein. Die besten Motive habe ich durch Zufall entdeckt.

Tipps für die Reisefotografie

  • ein Stativ benutzen, gerade für Langzeitbelichtungen unerlässlich. (Zum Thema Stativ in der Landschaftsfotografie gab es kürzlich auf fokussiert.com zwei interessante Artikel von Gary Hart.)
  • mit der Schärfentiefe spielen
  • einen Polfilter benutzen
  • etwas interessantes in den Vordergrund stellen
  • mit Kontrasten und Übergängen arbeiten (z.B. Stand und Meer)
  • mit Bewegung spielen – Langzeitbelichtungen
  • die Fotos sollten einen Vordergrund, eine Mitte und einen Hintergrund haben
  • bei Serien beispielsweise Großaufnahmen mit Detailaufnahmen kontrastieren

Dies ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt aus seiner Trickkiste, vieles entwickelt sich auch beim Fotografieren. Ich habe dann vor Ort versucht ein paar dieser Tipps zu beherzigen und auch umzusetzen. So habe ich natürlich meistens mit einem Stativ gearbeitet und viel mit Langzeitbelichtungen experimentiert.

Beispiel einer Langzeitbelichtung
Beispiel einer Langzeitbelichtung

Bei diesem Foto habe ich bewusst das Boot in den Vordergrund gestellt um die Langzeitbelichtung des Meeres interessanter zu gestalten. Des weiteren habe ich versucht das Foto in drei Bereiche zu unterteilen. Dies gelang mir durch die klaren Strukturen und die Farbunterschiede – weiß (Boot) – blau (Meer) – weiß (Stadt im Hintergrund).

Klare Linien und Symbolik
Klare Linien und Symbolik

Bei dieser Aufnahme habe ich sehr grafisch gearbeitet, was das scheinbar einfache Motiv interessanter macht. Darüberhinaus habe ich ein Kreuz gewählt, da diese gerade für Finistere sehr typisch sind und man sie an fast jeder Straßenkreuzung findet.

Schärfentiefe
Schärfentiefe

Dieses Foto zeigt ein Experiment mit der Schärfentiefe. Ich habe mit einer 1.4 Blende fotografiert und die Kamera sehr niedrig und in geringem Abstand zum Objekt platziert. Hierdurch habe ich einen sehr geringen scharfen Bereich und der Rest ist weichgezeichnet. Durch den starken Farbkontrast von grün zu blau gebe ich dem Foto etwas Spannung.

Ich hoffe ich konnte euch ein paar Tipps zur einer Herangehensweise an die Landschafts- und Reisefotografie geben. Für weitere Ratschläge von euch bin ich dankbar. – Ich selbst finde es vor allem wichtig sich zu überlegen, was man wie umsetzen möchte. Und zwar bevor man fotografieren geht. Dank duChemin’s Tipps konnte ich bei meiner Bretagne-Fotoreise sehr geplant und zielgerichtet vorgehen, ohne mich aber meiner Kreativität oder Intuition beraubt zu fühlen. Diese Vorgehensweise bringt etwas “Sicherheit” in die Fotografie und hat es mir erlaubt, einen Bildband auf die Beine zu stellen. “Pure Brittany” heißt mein entstandener Fotoband, der sich mit dem typischen Momente des Lebens in der Bretagne befasst: dem Meer, dem Leben mit dem Meer und der Religion.

Pure Brittany by Julia T. Scho

Geschrieben von Julia T. Scho.

Ich bin Kunstfotografin aus Leidenschaft. Nachhaltigkeit, Natürlichkeit und Kreativität sind meine Werkzeuge.

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2 Kommentare

Hallo.
Ich finde deinen Artikel nicht nur textlich interessant, sondern auch die Untermauerung mit den Bildern sehr gut, weil man sich direkt die Hinweise ansehen kann. Ich habe beim ansehen deiner Bilder noch eines gefunden, was irgendwie für mich ein sehr gutes Reisebild ist. Und zwar: “Eiffelturm hinter Mauer”
http://www.foreignlight.com/portfolio/?cat=6&paged=2&lang=de

Ich finde das zeigt gut wie du mit Vordergrund, Objekt und Hintergrund gearbeitet hast. Durch die tolle Komposition und den guten Kontrast hat das eigentlich recht abgestroschene Motiv für mich eine beeindruckende Wirkung entfaltet.

by Christopher on 22. Februar 2011 at 08:46. Antworten #

Hallo Christopher,

vielen Dank für Deinen Kommentar.
Stimmt, das Eiffelturmfoto würde hier auch gut passen. Das bringt mich auf die Idee mal etwas über Reisefotografie in Städten zu schreiben. Danke für den Hinweis.

Liebe Grüße aus Bonn
Julia

by Julia on 22. Februar 2011 at 10:47. Antworten #

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